über das lesen…

„Es gibt vielleicht keine Tage unserer Kindheit, die wir so voll erlebt haben
wie jene, … die wir mit einem Lieblingsbuch verbracht haben. Alles, was
sie, wie es schien, für die andern erfüllte und was wir wie eine vulgäre
Unterbrechung eines göttlichen Vergnügens beiseiteschoben: das Spiel, zu
dem uns ein Freund bei der interessantesten Stelle abholen wollte; die
störende Biene oder der lästige Sonnenstrahl, die uns zwangen, den Blick
von der Seite zu heben oder den Platz zu wechseln; die für die Nachmittagsmahlzeit
mitgegebenen Vorräte, die wir unberührt neben uns
auf der Bank liegen ließen, während über unserm Haupt die Sonne am
blauen Himmel unaufhaltsam schwächer wurde; das Abendessen, zu dem
wir zurück ins Haus mussten, und während dessen wir nur daran dachten,
sogleich danach in unser Zimmer hinaufzugehen, um das unterbrochene
Kapitel zu beenden, all das, worin unser Lesen uns nur Belästigung hätte
sehen lassen müssen, grub im Gegenteil eine so sanfte Erinnerung in uns
ein (die nach unserm heutigen Urteil um so vieles kostbarer ist als das, was
wir damals mit Hingabe lasen), dass, wenn wir heute manchmal in diesen
Büchern von einst blättern, sie nur noch wie die einzigen aufbewahrten
Kalender der entflohenen Tage sind, und es mit der Hoffnung geschieht,
auf ihren Seiten die nicht mehr existierenden Wohnstätten und Teiche
sich widerspiegeln zu sehen.” marcel proust – tage des lesens

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Eine Antwort auf über das lesen…

  1. Tom sagt:

    Gute Informationen! Ich werde mich damit in Zukunft mehr beschaeftigen! Freue mich auf die naechsten Eintraege!